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28. Juli 2026

Lizenz zum Geldbedrucken

Die Tuttlinger Firma Leibinger nummeriert Geldscheine, codiert Eier und beschriftet Maggi-Tüten. Jetzt plant Firmenchefin Christina Leibinger den nächsten Coup.

Wer das Reich von Christina Leibinger (44) betritt, wird mit Banknoten begrüßt. Indische Rupien, peruanische Soles, Ariary aus Madagaskar. Als bunte Hingucker liegen sie verstreut in einer Vitrine im Foyer. Doch das Wertvollste lagert obenauf: hübsche Edelstahlkästchen mit Kurbel und Zahlenrädern, der Beweis des eigenen feinmechanischen Könnens – sogenannte Nummerierwerke. Damit beliefert der schwäbische Familienbetrieb Paul Leibinger Notenbankdruckereien weltweit. „Rupien, Yen, Euro – täglich werden einige Millionen frische Scheine von unseren Werken mit einer Zahl versehen“, erklärt die geschäftsführende Gesellschafterin. „So stellen wir das Geld scharf.“

Ohne die Geräte aus Tuttlingen wäre jede Rupie ein wertloser Zettel. „Es gibt nur noch zwei Hersteller von Nummerierwerken weltweit“, klärt Leibinger auf. Der einzige Konkurrent Zeiser produziert nur rund zehn Kilometer entfernt in Emmingen-Liptingen. „Wir teilen den Weltmarkt unter uns auf.“

2010 stieg die Volkswirtin Leibinger in dritter Generation in den Familienbetrieb ein. Das Nummerieren von Banknoten ist nur ein Teil des Geschäfts. Das Unternehmen sorgt auch für Transparenz in der Lieferkette. Die Schwaben bauen ausgefeilte Tintenstrahldrucker für die Industrie, die in Produktionslinien praktisch aller Branchen integriert sind – vernetzt und auf Hochleistung getrimmt. In Bruchteilen von Sekunden spritzen die patentierten Geräte individuellen Text sowie Grafiken und Barcodes auf vorbeirasende Verpackungen, Bauteile oder Kabel. Und das in 120 Ländern. „Wir kennzeichnen die Welt und sehen uns als Treiber der Produktdigitalisierung“, sagt Christina Leibinger. „Der aufgedruckte Code verhilft einem Produkt zur digitalen Identität.“

Die ständig wachsenden Anforderungen zur Rückverfolgbarkeit treiben auch den Tuttlinger Maschinenbauer an. Von den 118 Millionen Euro Umsatz im Jahr 2025 stammt nur noch ein einstelliger Prozentbereich aus dem so klassischen wie prestigeträchtigen Geschäft mit den Nummerierwerken. Der Mittelständler wächst seit Jahren zweistellig – und stellt so viel wie möglich in Eigenregie her. Die Fertigungstiefe am Hauptsitz beträgt satte 85 Prozent. „Wir leben von unserer feinmechanischen Kompetenz – und sie schützt vor Nachahmern.“ Allein 2500 verschiedene Einzelwerkzeuge sind im Einsatz, auch Metalle härtet man selbst. Wenn ein Lieferant nicht zuverlässig mit dem Wachstum Schritt halten kann, baut man lieber selbst. Autarkie lohnt sich: Die Ebit-Margen lagen zuletzt zwischen 22 und 30 Prozent, sagt Leibinger.

Rocket Science für ein Frühstücksei

„Den Leibinger ruft man, wenn es schwierig wird“, sagt die Chefin selbstbewusst. „Dass wir weltweit führend sind bei der Serialisierung von Geldscheinen und Reisepässen, schafft Glaubwürdigkeit.“ Und es öffnet Türen im zunehmend digitalisierten und hochgradig reglementierten Lebensmittelbereich. Denn was die Seriennummer auf der Banknote, ist das Mindesthaltbarkeitsdatum auf der Maggi-Tüte. Ohne aufgesprühte Verbraucherinformation geht nichts. Und die geforderte Informationsdichte steigt permanent.

Auf Leibingers Expertise trifft man schon beim Frühstücksei. Eine kleine Nummernfolge auf der Schale gibt Aufschluss über Legebetrieb und Haltungsform – inzwischen Pflichtinformation in vielen Ländern. „Wir haben für diverse Anwendungen spezielle Drucker entwickelt, selbst für die Eierkennzeichnung“, sagt Leibinger. Klingt schwäbisch nüchtern, ist aber Hightech vom Allerfeinsten.

Beim sogenannten Continuous-Inkjet-Verfahren (CIJ), an dem Leibinger permanent feilt, werden im Druckkopf bis zu 128.000 Tintentröpfchen pro Sekunde generiert. Die zum Drucken benötigten Tropfen werden elektrisch geladen, fliegen durch ein Hochspannungsfeld und werden so abgelenkt, dass die Farbstoffe oder Pigmente auf dem Produkt, also zum Beispiel der Eierschale, an der richtigen Stelle landen. „Konsumenten geht es darum, ein frisches Ei auf dem Frühstückstisch zu haben – Produzenten geht es um Tempo und maximale Verfügbarkeit“, sagt Leibinger. „Pro Stunde kennzeichnet ein Drucker bis zu 30.000 Eier, die in der Sortierstraße geradezu vorbeifliegen.“ Trocknungszeit der Tinte: unter einer Sekunde.

Mit einer einzigartigen Technik schafft es das Unternehmen, die Düsen und den Tintenkreislauf vollautomatisch zu verschließen. „Unsere Drucker funktionieren direkt nach dem Auspacken und laufen dann bis zu fünf Jahre wartungsfrei“, verspricht Leibinger – und teilt gegen die Konkurrenz aus. „Bei Druckköpfen von herkömmlichen Systemen können die schnell trocknenden Tinten dafür sorgen, dass die Düsen verstopfen.“ Für Fabrikleiter ist dies der Stoff für schlaflose Nächte: Eine Fertigungslinie stoppt, weil eine Druckerdüse verstopft ist. „Unser Equipment muss in jeder Produktionslinie mithalten“, sagt Leibinger. „Und das tut es auch.“ Ihre Produktbroschüre verspricht der Kundschaft „100 Prozent Seelenfrieden“.

Leibingers Jet-Drucker codieren praktisch alles. Neben Eiern auch, Campbell’s Tomatensuppen, Nestlés Maggi-Würze oder Craftbeer-Flaschen. Die Geräte, nicht größer als ein Kaffeevollautomat, sind in rasend schnelle Produktionsprozesse integriert. „Und die Geschwindigkeiten steigen permanent“, sagt Leibinger. In Getränkeabfüllanlagen rattern 80.000 zu markierende Flaschen in der Stunde vorbei. Und bei Kabeln schaffen die Hochleistungsdrucker einen Kilometer pro Minute. „Die Tinte muss dauerhaft gut lesbar und abriebfest sein.“

Damit das gelingt, spielen im hauseigenen Tintenlabor allein 20 Mitarbeiter kundenspezifische Anwendungsfälle durch und entwickeln stets neue Rezepturen für die zu bedruckenden Materialien. „Mal muss Tinte auf gefrorenen, öligen oder verrosteten Oberflächen haften, mal auf Leder, mal muss sie sogar essbar sein“, erklärt Leibinger. Jedes Land macht andere Vorgaben, auch was erlaubte Löse- und Bindemittel angeht. 2021 stärkte Leibinger die eigene Tintenkompetenz mit der Übernahme des Spezialisten SIS Ink Solution in Berg bei Nürnberg.

Als „sehr kompetitiv“ bezeichnet Jan van het Reve (44), Chef fürs Operative, den Markt der CIJ-Druckerhersteller. „Etwa zehn Firmen stehen in harter Konkurrenz, wir sehen uns auf Platz vier nach Stückzahlen.“ Der Schweizer mit niederländischen Wurzeln ist nicht nur COO, sondern zugleich Christina Leibingers Ehemann. „Wir haben an der Universität Zürich dasselbe studiert“, sagt van het Reve. „VWL mit Schwerpunkt Financial Economics.“ Vor Gästen nennen sich die Eheleute nicht Jan und Christina, sondern bleiben förmlich beim Nachnamen. Gewohnheitssache. „Wir haben mit unseren Mitarbeitern in der Führungsebene keine Duzkultur“, sagt die Geschäftsführerin. „Aber dennoch einen herzlichen Umgang mit allen.“ Etliche der 354 Mitarbeiter seien seit vielen Jahren dabei. „Eine betriebsbedingte Kündigung gab es noch nie in der 78-jährigen Geschichte.“ Mit Innovationen arbeitet sie daran, dass sich das nicht ändert.

Einen gewaltigen Schub erhofft sich Leibinger von der Umstellung auf zweidimensionale Codes im Einzelhandel – die nächste digitale Revolution der Produktkennzeichnung. Bis zu 7000 digitale Hinweise zur Ware können neben dem Preis in einem QR-Code stecken – Inhaltsstoffe, Chargennummern, Verfallsdaten. Erste Hersteller wie Beiersdorf und Drogerien wie dm testen schon auf 2D getrimmte Kassensysteme.
„Viele manuelle Abläufe und Prozesse kann man so digitalisieren“, erklärt Leibinger. Seit drei Jahren arbeitet man an neuen Druckerverfahren speziell für die Kennzeichnung mit 2D-Codes. Auf der Fachmesse Interpack in Düsseldorf wagte Leibinger im Mai mit dem neuen Drucker 2DJET den ersten Aufschlag, ab 2027 will man die Innovation ausliefern. Freilich ist ein komplexes Pixel-Quadrat ungleich schwerer aufzubringen als ein simpler Strichcode. Zugleich wollen die Hersteller ihre Produktionsstraßen nicht drosseln. „Solche Herausforderungen lieben wir“, sagt Leibinger. „Wir haben uns einen Namen gemacht, immer den letzten Stundenkilometer auszureizen.“ Konkurrierende Systeme wie Laserdruck oder Thermoverfahren sieht sie im Nachteil.

Angst vor der Erbschaftsteuer

Was sie antreibt? „Hier hängt einfach das Herzblut der Familie dran“, sagt sie. 1948 hatte ihr Großvater Paul Leibinger angefangen, fünf Kilometer vom heutigen Hauptsitz entfernt. Eingebaut in Druckmaschinen, drückten die Nummerierwerke allen möglichen Dokumenten eine Zahl auf – und schalteten über eine Kurbel mechanisch weiter. Zugtickets, Formulare, Lose, Kinokarten, Schecks: Der kommerzielle Druck florierte. „Schon 1960 waren wir einer der weltweit wichtigsten Hersteller“, erklärt die Enkelin. „Wir haben bis heute 4,5 Millionen solcher Werke in den Markt gebracht – mehr als jeder andere.“
Doch auch als Weltmarktführer kam Leibinger ins Wanken: Als Paul Leibinger früh starb, musste sein Sohn Günther 1963 mit nur 17 Jahren übernehmen, unterstützt von der Mutter. „Mein Vater musste hart um die Existenz des Unternehmens kämpfen. Viele versuchten, den Jungen rauszudrängen.“ Es dauerte viele Jahre, bis das Geschäft in den USA etabliert war.

Ein exklusiver Lieferantenvertrag mit Heidelberger Druckmaschinen schob das Geschäft massiv an. „Mit diesem Coup ging es steil bergauf“, sagt Christina Leibinger. Vater Günther (80) ist als Seniorchef und Hauptgesellschafter weiter regelmäßig im Betrieb anzutreffen. Die zweite Tochter Sonja Zobl-Leibinger (42) hält wie ihre ältere Schwester 24 Prozent der Anteile, ist aber nicht operativ tätig. „Wir sind gerade dabei, die Nachfolge weiter zu planen.“ Klar sei: Alles bleibt in der Familie.

Als die Töchter im Teenageralter waren, traf Günther Leibinger 1998 die weitreichende Entscheidung, mit der Familie in die Schweiz zu ziehen. „Natürlich gab es zunächst auch Verunsicherung unter den Mitarbeitern, was aus der Firma wird“, sagt Christina Leibinger. „Ziel meines Vaters war es, trotz absehbarer Verschärfung der Erbschaftsteuer in Deutschland die Voraussetzungen für einen künftigen Generationswechsel im Unternehmen zu schaffen und abzusichern“, erklärt sie offen. Nun profitiert sie von diesem Schritt. Und betont zugleich: „Wir sind hier in Tuttlingen einer der größten Gewerbesteuerzahler.“

Parallel zum eigenen Kerngeschäft mischt Leibinger auch in verwandten Branchen mit. So ist die Leibinger Consulting AG größter Einzelaktionär von Koenig & Bauer in Würzburg, dem führenden Druckmaschinenhersteller für Banknoten. Wie bei den Nummerierwerken ist laut Christina Leibinger auch hier nur noch ein globaler Wettbewerber im Rennen: Komori aus Tokio. Dem Senior gefällt’s. „Mein Vater Günther zahlt nur bar“, sagt Leibinger. „Er hat immer sein Bündel dabei.“ 

© manager magazin Verlagsgesellschaft mbH

 

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    CEO Christina Leibinger mit Mitarbeitenden aus dem Service. Erfahrungen aus dem täglichen Kundeneinsatz fließen direkt in die Produktentwicklung ein.

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    CEO Christina Leibinger und COO Jan van het Reve. Gemeinsam führen sie das Familienunternehmen in dritter Generation und treiben die Digitalisierung der industriellen Kennzeichnung voran.

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    2D-Code auf einem Konservenglas. LEIBINGER bereitet sich intensiv auf die Einführung von GS1-konformen 2D-Codes vor, um für seine Kunden ein starker Partner zu sein.

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    Präzise Kennzeichnung von Milchverpackungen. LEIBINGER-Drucker sorgen für dauerhaft lesbare Mindesthaltbarkeitsdaten, Chargencodes und Rückverfolgbarkeit.

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    Kennzeichnung von Bierflaschen im Hochgeschwindigkeitsprozess. Selbst bei bis zu 80.000 Flaschen pro Stunde bleibt jeder Code zuverlässig lesbar.

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    IQJET im Einsatz bei Maggi. Weltweit vertrauen zahlreiche Lebensmittelhersteller seit vielen Jahrzehnten auf LEIBINGER-Technologie.

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    Die Anfänge des Unternehmens: Mit Nummerierwerken für Druckmaschinen legte Paul Leibinger 1948 den Grundstein für das heutige Familienunternehmen.

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    LEIBINGER-Nummeriersysteme kommen bei der Herstellung von Banknoten und Sicherheitsdokumenten zum Einsatz.

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    LEIBINGER Nummerierwerke machen jeden Geldschein zu einem Unikat – durch eine weltweit eindeutige Seriennummer.

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    1963 übernahm Günther Leibinger mit nur 17 Jahren die Verantwortung für das Unternehmen. Unter seiner Führung entwickelte sich LEIBINGER zum Weltmarktführer bei Nummerierwerken und zu einem führenden Anbieter industrieller Kennzeichnung.

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    Drei Generationen, eine Vision. Christina und Günther Leibinger führen das Lebenswerk von Firmengründer Paul Leibinger fort und entwickeln es konsequent weiter.

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    Der automatische Düsenverschluss von LEIBINGER: Die Technologie verhindert das Austrocknen der Düse und ermöglicht einen sofortigen Produktionsstart – auch nach längeren Stillständen.

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    Präzision aus eigener Fertigung. Das Laserfeinschweißen von Druckköpfen ist Teil der hohen Fertigungstiefe am Standort Tuttlingen.

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    Montage eines LEIBINGER-Inkjet-Druckers. Rund 85 Prozent der Wertschöpfung entstehen im eigenen Unternehmen.

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    Im Application Center werden reale Produktionsbedingungen simuliert und  für den Kunden optimal aufeinander abgestimmte Kennzeichnungslösungen definiert – vom Drucker bis zur Tinte.

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    Im eigenen Tintenlabor und der Tintenproduktion entwickelt und produziert LEIBINGER seine Tinten selbst – abgestimmt auf unterschiedlichste Materialien und Anwendungen. 

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    Tinte als entscheidender Erfolgsfaktor: Ein spezialisiertes Expertenteam entwickelt Rezepturen für höchste Haftung, Lesbarkeit und Prozesssicherheit – von Lebensmitteln bis hin zu Kabeln.

Quellenverweis (Bilder):
Paul Leibinger GmbH & Co. KG

Autor: Stefan Merx, manager magazin

Zum Artikel im manager magazin
Veröffentlichung: 26.06.2026 aus dem manager magazin 6/2026